Ein Leitfaden für Nachhaltigkeit in Tourismusdestinationen

copyright
unsplash/pauliba Herpel

Ein Leitfaden für Nachhaltigkeit im Tourismus

Warum braucht es diesen Leitfaden?

Für Nachhaltigkeit im Tourismus gibt es zahlreiche Standards, Labels, Kriterien und Indikatoren. Für Destinationen ist es jedoch oft schwierig, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen: Was ist für die eigene Situation relevant? Was kann die Destination selber steuern? Und wie kann sie Fortschritt sichtbar machen?

In den vergangenen Jahren wurden wichtige Grundlagen geschaffen, um Nachhaltigkeit im Tourismus als gemeinsamen Qualitätsstandard zu etablieren: ein einheitliches Nachhaltigkeitsverständnis, klare Ziele, praxistaugliche und messbare Kriterien sowie mehr Vernetzung zwischen Destinationen.

Gleichzeitig bleibt die Angebotsseite herausfordernd. Viele Menschen möchten verantwortungsvoll reisen, entscheiden sich aber selten allein deshalb für ein Angebot. Es braucht daher attraktive, leicht auffindbare Angebote, die Nachhaltigkeit mit Qualität verbinden. Zugleich erschwert eine „Siegel- und Standardflut“ die Orientierung.

Genau hier setzt dieser Leitfaden an: Er schlägt die Brücke zwischen aktuellen Anforderungen und der Praxis in Destinationen und bietet so Orientierung auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Was ist dieser Leitfaden?

Dieser Leitfaden ist kein neues Siegel. Er übersetzt zentrale Anforderungen aus bestehenden Systemen in eine praxistaugliche Struktur für Destinationen: in Dimensionen, Handlungsfelder und Kriterien. Ergänzt wird er durch konkrete Ansatzpunkte sowie Hinweise zur Zusammenarbeit und Wirkungsmessung. Ein Online-Bereich begleitet den Leitfaden: QR-Codes führen zu weiterführenden Informationen, Praxisbeispielen und Arbeitshilfen, die laufend aktualisiert werden.

Die Inhalte beruhen auf einer breiten fachlichen Grundlage: Für die bisherigen Auflagen wurden rund 1.400 Kriterien aus 18 internationalen und nationalen Systemen ausgewertet, gebündelt und für die Praxis auf Destinationsebene auf bereitet.

Neben der kritischen Überprüfung der bisherigen Kriterien spielte insbesondere der Praxis-Check aus unterschiedlichen Perspektiven eine zentrale Rolle: In Interviews und Workshops mit Vetreter*innen verschiedener DMO-Ebenen sowie mit Akteur*innen aus Naturschutz und Regionalentwicklung wurden Anforderungen geschärft, Doppelungen reduziert und die praktische Umsetzbarkeit geprüft. Ein begleitender Projektbeirat aus Politik, Tourismusorganisationen und -verbänden, Naturschutz sowie Verkehr sicherte Aktualität und Praxistauglichkeit.

Warum jetzt?

Seit der ersten Auflage 2016 haben sich zentrale Standards weiterentwickelt. Mit den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung ist zudem ein internationaler Kompass hinzugekommen. Zugleich steigen die Erwartungen an Transparenz und Nachweisbarkeit: Nachhaltigkeit soll nicht nur umgesetzt, sondern auch in ihrer Wirkung belegt werden. Damit wird sie zunehmend zu einem Qualitätsfaktor für Destinationen. Parallel dazu haben sich in Ländern und Regionen eigene Nachhaltigkeitsprozesse etabliert. Der Leitfaden hilft, diese auf Destinationsebene zu strukturieren, umzusetzen und weiterzuführen.

Die aktualisierte Auflage greift diese Entwicklungen auf und schärft den Leitfaden als Werkzeug für Planung, Umsetzung und Wirkung.
 

1. ORIENTIERUNG SCHAFFEN

Der Leitfaden strukturiert das breite Themenspektrum der Nachhaltigkeit und zeigt, wo – je nach Ausgangssituation – ein sinnvoller Einstieg liegt. Er hilft Ihnen, aus der Vielzahl an Nachhaltigkeitsthemen die passenden Schwerpunkte für Ihre Destination abzuleiten.

So können Sie schneller erkennen, womit Sie starten können, was mittelfristig sinnvoll ist und in welchen Bereichen Sie bereits gut aufgestellt sind. Das schafft Orientierung für Planung, Ressourceneinsatz und die Abstimmung in Gremien und erleichtert es, Nachhaltigkeit als Teil von Qualität und Destinationsentwicklung zu verankern, statt als zusätzliches Themenfeld.
 

copyright
unsplash/Anastasia Petrova

2. UMSETZUNG ERLEICHTER

Nachhaltigkeit gelingt nur gemeinsam – doch nicht alles liegt in der Hand der DMO. Statt abstrakter Leitlinien bietet der Leitfaden konkrete Ansatzpunkte und Handlungsschritte. Er unterstützt dabei, Rollen und Verantwortlichkeiten zu den einzelnen Themen zu klären: Wo kann die DMO steuern, wo Prozesse koordinieren, wo Impulse setzen und wo die Umsetzung bei Partner*innen erleichtern? So lassen sich die richtigen Akteur*innen – etwa Kommunen, Betriebe, Verkehr, Naturschutz, Kultur und Zivilgesellschaft – an einen Tisch bringen, Erwartungen realistisch einordnen und Einzelmaßnahmen zu einem abgestimmten Prozess verbinden, der in der Destination trägt.

copyright
unsplash/Headway

3. WIRKUNG ZEIGEN

Indikatoren, Reflexionsfragen und Praxisbeispiele helfen dabei, den Stand zu erfassen, Fortschritte sichtbar zu machen und Maßnahmen gezielt weiterzuentwickeln. Das unterstützt Sie bei der Steuerung im Alltag: Was wirkt? Wo fehlt eine Voraussetzung? Wo braucht es Kooperation oder Priorisierung? Gleichzeitig wird die Kommunikation nach außen belastbarer, weil sich Aussagen an konkrete Maßnahmen, Zuständigkeiten und nachvollziehbare Entwicklungen knüpfen lassen. Das ist auch für die Nachhaltigkeitskommunikation relevant: Mit den neuen gesetzlichen Vorgaben steigen die Anforderungen an glaubwürdige, konkrete und belegbare Aussagen. Der Leitfaden unterstützt Sie dabei, Kommunikation mit Maßnahmen, Zuständigkeiten und Indikatoren zu verknüpfen.

Das Rad nicht neu erfinden

Dieser Leitfaden baut auf etablierten Standards, Zertifizierungen und Indikatorensystemen auf und übersetzt deren Anforderungen in praxisnahe Maßnahmen für Destinationen. Für die Aktualisierung der Kriterien wurden ausgewählte Referenzsysteme systematisch ausgewertet und inhaltlich abgeglichen: Wo finden sich ähnliche Anforderungen? Welche Erwartungen gelten inzwischen als Standard? Und was können Destinationen praktisch umsetzen? Entscheidend waren dabei vor allem Anforderungen, die sich auf Destinationsebene tatsächlich steuern, mit vertretbarem Aufwand umsetzen und mithilfe von Indikatoren belegen lassen. Die Übersetzung dieser Standards in die Kriterien dieses Leitfadens hat einen klaren Vorteil: Wer Maßnahmen aus diesem Leitfaden umsetzt, erfüllt in der Regel bereits Teile der Anforderungen relevanter Referenzsysteme und wird somit anschlussfähiger. Ob strukturiertes Monitoring, eine Berichterstattung oder eine Destinationszertifizierung, der Leitfaden erleichtert den Einstieg deutlich.

EarthCheck

Standard und Zertifizierungsansatz mit Fokus auf Management, Nachweise und kontinuierliche Verbesserung. Er unterstützt die Arbeit mit Zielen, Kennzahlen und Fortschrittsmessung und lässt sich als GSTC-anerkanntes System international einordnen.

Weitere Informationen

Measuring the Sustainability of Tourism (MST)

Standard und Zertifizierungsansatz mit Fokus auf Management, Nachweise und kontinuierliche Verbesserung. Er unterstützt die Arbeit mit Zielen, Kennzahlen und Fortschrittsmessung und lässt sich als GSTC-anerkanntes System international einordnen.

Weitere Informationen

Nachhaltiges Reiseziel

Zertifizierungsansatz für Destinationen. Mit der Zertifizierung „Nachhaltiges Reiseziel“ bietet TourCert einen prozessorientierten Rahmen mit klarer Logik für Management und Weiterentwicklung.

Weitere Informationen

Global Sustainable Tourism Council (GSTC)

Internationaler Kriterienrahmen für nachhaltige Destinationen. Da er Leitlinien aus unterschiedlichen Weltregionen und Kontexten bündelt, eignet er sich gut als Referenz für destinationsweite Anforderungen.

Weitere Informationen 

Sustainable Development Goals (SDGs)

Globale Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Sie bieten Orientierung und helfen dabei, Ziele zu strukturieren und Fortschritte nachvollziehbar zu machen. So lassen sich Nachhaltigkeitsthemen im Tourismus klar einordnen und kommunizieren.

Weitere Informationen

Global Destination Sustainability Index (GDS-Index)

Benchmarking-Ansatz, insbesondere für städtische Destinationen. Er macht Stärken und Handlungsbedarfe im Vergleich sichtbar und hilft bei der Priorisierung von Maßnahmen.

Weitere Informationen

Green Destinations

Zertifizierungsprogramm für Destinationen, das Kriterien prüft und Weiterentwicklung strukturiert begleitet. Die GSTC-Anerkennung stärkt die Anschlussfähigkeit.

Weitere Informationen

Tourism Sustainability Certification Alliance (TSCA)

Allianz von Zertifizierungsorganisationen mit gemeinsamen internationalen Mindeststandards. Sie unterstützt Orientierung und Vergleichbarkeit im Zertifizierungsumfeld.

Weitere Informationen

Biosphere Tourism

Zertifizierungs- und Managementansatz des Responsible Tourism Institute (RTI) mit breiter Themenabdeckung. Die GSTC-Anerkennung erleichtert die internationale Einordnung.

Weitere Informationen

Kennzahlenset zur Nachhaltigkeit im Tourismus

Das Kennzahlenset des Deutschen Tourismusverbandes (DTV) ist ein bundesweit einheitlicher Standard zur Erhebung und Auswertung von Nachhaltigkeitsdaten in Destinationen. Es unterstützt dabei, den Status quo transparent zu erfassen, Entwicklungen über die Zeit zu beobachten und Maßnahmen gezielt zu steuern. Denn: Was messbar ist, kann besser gemanagt und nachvollziehbar kommuniziert werden.

Entstanden ist das Kennzahlenset im Rahmen eines geförderten Praxisprojekts mit dem DTV als Projektträger sowie reCET create.empower.transform., der Exzellenzinitiative Nachhaltige Reiseziele und der Hochschule München als Projektpartner*innen. Die Kennzahlen wurden gemeinsam mit Projektpartner*innen sowie in Pilotdestinationen entwickelt und erprobt. Ziel war es, eine praxistaugliche, vergleichbare und zugleich anschlussfähige Datengrundlage zu schaffen, die Destinationen unabhängig von Größe und Ausgangslage nutzen können.

Das Kennzahlenset arbeitet mit unterschiedlichen Indikatorarten:

9 Fokuskennzahlen als kompakter Kern: wenige, besonders aussagekräftige Kennzahlen, die für alle Destinationen relevant sind und alle vier Nachhaltigkeitsdimensionen abdecken.

18 Zusatzkennzahlen als Ergänzung: optionale Kennzahlen mit denen Destinationen je nach Prioritäten, Datenverfügbarkeit und Aufwand einzelne Themen vertiefen können.

Vielen Kriterien dieses Leitfadens sind die passenden Kennzahlen zugeordnet und werden anhand der dahinterliegenden Parameter konkretisiert. So können Kriterien mess- und vergleichbar gemacht sowie Entwicklungen abgebildet werden.