F4 Touristische Saisonalität
(F4) Touristische Saisonalität
Steckbrief
FokuskennzahlAllgemeine Informationen
Relevanz/Aussagekraft:
Der Indikator ermöglicht eine datenbasierte Analyse saisonaler Spitzen. Ziel ist es, den zeitlichen Besuchsdruck möglichst ausgewogen und stabil zu halten. Darauf aufbauend können Maßnahmen zur Reduzierung von Überlastungen, Druck auf Ressourcen und Infrastruktur sowie negativen Auswirkungen auf die lokale Umwelt und Kultur abgeleitet werden.
Der Gini-Koeffizient ist eine international anerkannte Kennzahl zur Messung von Ungleichverteilungen, die in vielen Anwendungsbereichen eingesetzt wird. Im Kontext des Tourismus zeigt er, wie ungleich sich die touristische Nachfrage (z. B. bemessen an den Übernachtungen) über das Jahr verteilt. Destinationen sind dabei schwer miteinander vergleichbar – aber genau das macht den Indikator besonders wertvoll: Er hilft, Unterschiede sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Die Problemrelevanz ist hoch, da extreme Saisonalität häufig mit sozi-al-ökologischen Belastungen und sinkender Lebensqualität für Anwohner*innen wie Gäste einhergeht.
Eine einfachere und von der OECD empfohlene Berechnung für die Saisonalität ist die Ermittlung des Anteils der gesamten touristischen Übernachtungen (d.h. die Summe der aus- und inländischen Übernachtungen) in den Spitzenmonaten im Vergleich zu allen im Laufe eines Jahres registrierten Übernachtungen. Dieser saisonale Konzentrationswert wird anhand der drei umsatzstärksten Monate berechnet.
Definitionen/Begriffsklärungen:
Gini-Koeffizient: Diese Kennzahl gibt für eine bestimmte Verteilung definierter Einheiten (z B. Übernachtungen) über einen definierten Zeitraum (z. B. 12 Monate) das Maß der relativen Konzentration beziehungsweise der Ungleichverteilung an und kann einen Wert zwischen Null und Eins annehmen. Im Fall der saisonalen Gleichverteilung der Übernachtungen über alle 12 Monate des Jahres ergibt sich ein Wert von Null, im Falle der Konzentration der gesamten Übernachtungen auf einen Monat ein Wert von 1.
Empfohlene Ebene:
Es wird sowohl die lokale, regionale als auch die Landesebene empfohlen.
Limitationen/Weiterentwicklungsbedarf:
Für diesen Indikator gibt es sehr individuelle Zielbezüge (z.B. ländliche Destinationen und Städte). Bei Vergleichen sind bspw. die Tourismusstruktur, natürliche Ausprägung und weitere Faktoren der Destination zu berücksichtigen, die eine saisonale Ausprägungen beeinflussen (z.B. Wetter). Darüber hinaus gibt dieser Indikator lediglich die Verteilung der amtlich erfassten Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben wieder und berücksichtigt damit keinen Tagestourismus bzw. Übernachtungen in nicht gewerblichen Beherbergungsbetrieben.
Erhebung
Parameter:
F4.1: Gini-Koeffizient amtlich erfasster Übernachtungen in- und ausländischer Gäste in Beherbergungsbetrieben (inkl. Campingplätze)
Einheit: Wert 0-1
F4.2: Anteil der amtlich erfassten Übernachtungen in- und ausländischer Gäste in Beherbergungsbetrieben in den drei übernachtungsstärksten Monaten im Verhältnis zu allen amtlich erfassten Übernachtungen im Laufe eines Jahres
Einheit: Prozentwert
Datenquelle:
Amtliche monatliche Gemeindestatistik
Erhebnungsfrequenz:
Jährlich, mit monatlichen Daten
Schritte zur Erhebung:
1. Zugriff auf die Monatserhebung im Tourismus (je nach Bedarf z. B. nach Gemeinden, Landkreisen, Reisegebieten, Bundesländern)
2. Abgrenzung der Erhebungsebene: Empfehlung: Da die geographischen Grenzen von Destinationen häufig nicht eindeutig mit bestehenden Verwaltungseinheiten (z. B. Landkreisen) übereinstimmen, ist eine klare statistische Abgrenzung im Vorfeld unerlässlich. Diese sollte innerhalb der jeweiligen Destination definiert werden – idealerweise in Anlehnung an bestehende Statistiken, wie beispielsweise die Übernachtungsstatistik. Um die Destination statistisch abbilden zu können, sollten die Daten auf Gemeindeebene vorliegen, sodass sich daraus die spezifische Gebietskulisse der Destination flexibel rekonstruieren lässt.
3. Auswertung der amtlichen monatlichen Statistik: Dies kann entweder direkt beim Statistischen Landesamt beauftragt oder selbst durchgeführt werden. Am Ende sollten die Daten so bearbeitet/sortiert sein, dass die monatlichen Übernachtungen je Ort vorliegen.
4. Berechnung des Anteils der drei übernachtungsstärksten Monate
Daten erfassen: 12 Monatswerte (= Summe der Übernachtungen je Monat) sammeln
Prozentanteile der drei übernachtungsstärksten Monatswerte berechnen:
Anteil in % = Summe Übernachtungen der drei übernachtungsstärksten Monate / Summe der jährlichen Gesamtübernachtungen
5. Berechnung des Gini-Koeffizienten:
Für die Berechnung kann hier eine Excel-Vorlage verwendet werden, bei der die Monatswerte eingegeben werden können, um das Ergebnis zu erzeugen.
6. Ausformulierung der Berechnung des Gini-Koeffizienten:
Daten erfassen:
12 Monatswerte (= Übernachtungen je Monat) sammeln
Prozentanteile dieser Monatswerte berechnen und sortieren:
Für jeden Monat:
Monatsanteil in % = Übernachtungen im Monat/Gesamtübernachtungen im Jahr
12 Monatswerte und prozentuale Anteile aufsteigend sortieren
Kumulative Anteile bilden:
X=Kumulative Summe der prozentualen Monatsanteile
Zeitanteile der Monate berechnen:
Z=1/12
Kumulative Zeitanteile bilden:
Y=kumulative Summe der Zeitanteile Z
Abstände zwischen kumuliertem Zeitanteil und kumuliertem Übernachtungsanteil berechnen:
A=Y-X
Flächenstücke berechnen:
Abstand zwischen kumuliertem Zeitanteil und kumuliertem Übernachtungsanteil (A=Y-X) mit Zeitanteil multiplizieren:
Für jeden Monat: F=A x Z
Klassischen Gini-Koeffizienten berechnen:
Summe aller Flächenstücke mit 2 multiplizieren: G = (F1+F2+F3+F4+F5+F6+F7+F8+F9+F10+F11+F12)x2
Berechnung des korrigierten Gini-Koeffizienten:
G korrigiert= n/n-1 x G
n=Anzahl der betrachteten Werte mit denen der Gini-Koeffizient ermittelt wurde
Auswertung
Gewünschte Entwicklungsrichtung & Zielbezüge:
Ziel ist eine ausgewogene zeitliche Verteilung der touristischen Nachfrage. Entsprechend kann bei hohen Werten ein sinkender Wert angestrebt werden, wenn eine gleichmäßigere Verteilung der Übernachtungen über das Jahr er-zielt werden soll.
Zur Bewertung der Entwicklung können Zeitreihenanalysen durchgeführt werden, welche die jährliche Veränderung der Indikatorwerte abbilden.
Es werden Vergleiche innerhalb derselben Ebene (z. B. zwischen Regionen oder zwischen Gemeinden) sowie zwischen direkt unter- bzw. übergeordneten räumlichen Einheiten (z. B. Land → Region → Gemeinde) empfohlen. Weiter oben genannten Limitationen schränken die Interpretierbarkeit jedoch insgesamt ein.
Es bieten sich daher destinationsspezifische Vergleiche an – etwa zwischen Städten untereinander, zwischen ländlich geprägten Regionen oder zwischen Destinationen mit ähnlicher funktionaler oder räumlicher Struktur (z. B. vergleichbarer Anteil an ländlichem Raum oder Mittelzentren). Auch ein Vergleich nach Destinationstypen (z. B. Kurorte, Bergregionen, Küstenorte) kann die Aussagekraft erhöhen.
Interpretationshilfe:
Der korrigierte Gini-Koeffizient kann für die jeweilige Ebene folgendermaßen interpretiert werden:
< 0,2 → Sehr geringe Saisonalität → Tourismus verteilt sich gleichmäßig über das Jahr
0,2 – 0,4 → Mittlere Saisonalität → Es gibt Haupt- und Nebensaison, aber keine extremen Unterschiede
> 0,4 – 0,6 → Hohe Saisonalität → Starke Peaks in einigen Monaten
> 0,6 → Extreme Saisonalität → Ein oder wenige Monate dominieren den Tourismus